Leben mit dem neuen Organ

LEBEN MIT DEM NEUEN ORGAN

Leben mit dem neuen Organ

Mit der erfolgreichen Organtransplantation beginnt für Sie ein neuer Lebensabschnitt. Während der ersten Zeit ist Ihr Körper noch nicht wieder voll belastbar, da er sich von der anstrengenden Operation erholt. Nach dieser Erholungsphase können Sie wieder ein normales Leben führen – mit einigen Besonderheiten. Bereits während des Klinikaufenthaltes lernen Sie mit Ihrem neuen Organ verantwortungsvoll umzugehen. Sie gewinnen zunehmend mehr Routine und gewöhnen sich wieder an ein fast normales Leben.

Lebensstil­veränderung

Nach der Erholung von der Transplantation wird sich nach einiger Zeit Ihr Leben beruhigen. Die Krankenhausaufenthalte und gesundheitlichen Probleme verringern sich. Ihre Rolle in Familie und Gesellschaft kann sich verändern. Es kann dauern, bis Sie sich daran gewöhnt haben, aber jeder Patient muss dieses Leben neu erlernen! Dafür sind Zeit, Geduld und manchmal Hilfe nötig.

Sprechen Sie daher mit Familie, Freunden, Kollegen und Nachbarn über Ihre Gedanken oder Probleme. Das wird dazu beitragen, den Alltag besser zu bewältigen.

Planen Sie Freizeitaktivitäten, Sport und Urlaube rechtzeitig. Wenn Sie Erfahrungen weitergeben und selbst von dem Wissen anderer profitieren wollen, können Sie auch eine Selbsthilfegruppe von Transplantierten besuchen.

Körpergewicht

Falls bereits vor der Transplantation der Appetit gering war, wird es einige Zeit dauern, bis der optimale Gesundheitszustand wieder erreicht wird. Oft verliert man in der Vor- und Nachoperationsphase mehrere Kilogramm Körpergewicht. Nach der Transplantation sollten Sie das Normalgewicht anstreben. Der BMI (Body-Mass-Index) gibt Auskunft über die Beziehung von Körpergewicht und Körpergröße. Er wird folgendermaßen errechnet:

BMI = Gewicht in kg / (Körpergröße in m)2

Als Normalgewicht gelten Werte zwischen 18,5 und 24,9, die Spanne variiert jedoch je nach Geschlecht und Alter.

Ernährung nach der Transplantation

Eine ausgewogene Ernährung kann Ihnen helfen, ein gesundes Gewicht zu halten. Dies wiederum kann dazu beitragen, Probleme wie hohen Blutdruck oder Diabetes zu verhindern. Das ist grundsätzlich für alle Menschen wichtig, aber insbesondere für Transplantatempfänger, da das transplantierte Organ geschützt werden muss und Arzneimittel gegen die Abstoßung das Risiko der erwähnten Komplikationen erhöhen können. Daher sollten Sie alle Ernährungsratschläge oder Essenspläne Ihres Transplantationsteams oder Ernährungsberaters befolgen.

Eine ausgewogene Ernährung bedeutet:

  • Mindestens 3 Portionen Gemüse und 2 Portionen Obst pro Tag zu sich nehmen.
  • Bei Getreideprodukten am besten die Vollkornvariante wählen.
  • Für eine abwechslungsreiche Ernährung, überwiegend aus pflanzlichen Nahrungsmitteln, sorgen.
  • Auf die tägliche Proteinaufnahme ist zu achten (z.B. Fisch, Bohnen, Eier).
  • Nahrungsmittel und Getränke mit hohem Fett- und/oder Zuckergehalt sollten nur einen kleinen Anteil Ihrer Ernährung ausmachen. Auch an Salz sollte gespart werden.
Salz

Eine salzarme Ernährung ist wichtig, da Salz zu Wassereinlagerungen im Körper führen kann, die wiederum einen hohen Blutdruck verursachen können. Ein hoher Blutdruck erhöht das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Die Zufuhr sollte für Erwachsene auf 5 g Speisesalz/Tag reduziert werden. Versuchen Sie, Nahrungsmittel mit hohem Salzgehalt durch salzarme Alternativen zu ersetzen:

  • Zum Würzen beispielsweise mehr Kräuter und andere Gewürze verwenden.
  • Butter gegen salzarme Margarinesorten austauschen.
  • Thunfisch in Konserven in Quellwasser statt in Salzlake.
  • Statt verarbeitetem Fleisch, wie Schinken und Speck, frisches Fleisch verwenden.
  • Käsesorten mit niedrigem Salzgehalt, z.B. Mozzarella und Frischkäse, statt Schafskäse.
Fett

Eine fettarme Ernährung hilft, den Cholesterinspiegel im Blut niedrig zu halten. Ein hoher Cholesterinspiegel erhöht das Risiko für Herzerkrankungen.

Auf vielen Nahrungsmitteletiketten ist neben dem Gesamtfettgehalt die Menge der gesättigten Fettsäuren aufgeführt. Der Grund dafür ist, dass gesättigte Fettsäuren die „schlechten“ Fette sind, die für die Erhöhung des Cholesterinspiegels verantwortlich sind. Versuchen Sie, die Einnahme von Nahrungsmitteln, die reich an gesättigten Fettsäuren sind, einzuschränken. Bei diesen ist auf dem Etikett angegeben, dass sie mehr als 5 g gesättigte Fettsäuren pro 100 g enthalten.

Proteinzufuhr

Für den menschlichen Körper ist eine ausreichende Proteinzufuhr essenziell. Denn Proteine spielen eine wichtige Rolle für Muskeln, Knochen und Bindegewebe, sowie im Zell- und Energiestoffwechsel, Hormonhaushalt und Immunsystem.

Der Referenzwert beträgt für gesunde Erwachsene (19–65 Jahre) 0,8 g pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Menschen über 65 Jahren benötigen mehr Protein, dem Richtwert nach 1,0 g pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Zudem erhöhen auch sportliche Aktivitäten den Proteinbedarf.

Die Proteinzufuhr sollte nicht nur quantitativ ausreichend sein, sondern auch qualitativ hochwertig. Am besten werden verschiedene Proteinquellen durch eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung im Speiseplan kombiniert, damit ein hoher Anteil an essenziellen Aminosäuren erreicht wird.

Klassische Proteinquellen sind Milch, Molke, Casein, Ei, Fisch, Soja und andere Hülsenfrüchte. Allerdings gibt es keine Nachweise dafür, dass tierische Proteine gegenüber pflanzlichen Proteinen einen eindeutigen Vorteil bringen. Ein höherer Anteil an pflanzlichen Proteinquellen kann sich sogar positiv auswirken, da diese meist mit einer höheren Ballaststoff-, Kohlenhydrat- und Vitaminzufuhr und gleichzeitig weniger gesättigten Fettsäuren einhergehen.

Zucker

Eine längere Einnahme von Arzneimitteln gegen die Abstoßung (Immunsuppressiva) kann die Konzentration von Zucker (Glucose) im Blut erhöhen, was zu Diabetes führen kann. Durch Einschränkung der mit der Nahrung aufgenommenen Zuckermenge können Sie dazu beitragen, Ihren Blutzuckerspiegel auf einem akzeptablen Niveau zu halten. Sie sollten nicht zu viele zuckerhaltige Nahrungsmittel und Getränke, z.B. Gebäck und Softdrinks, zu sich nehmen. Zucker wird außerdem zahlreichen Nahrungsmitteln zugesetzt, die als „fettarm“ oder „Diät-“ gekennzeichnet sind. Nahrungsmittel wie Frühstückscerealien, Joghurt, Obstsäfte, Suppen und Saucen können ebenfalls Zucker enthalten. Überprüfen Sie die Etiketten der verpackten Produkte, die Sie kaufen, unter „Kohlenhydrate, davon Zucker“. Ein Zuckergehalt von mehr als 15 g pro 100 g ist hoch.

Aktiv bleiben

Viel Bewegung oder sportliche Betätigung hilft Ihnen, den Blutdruck niedrig und ein gesundes Gewicht zu halten sowie Herzerkrankungen und Osteoporose (Knochenschwund) vorzubeugen, wodurch Ihr Körper fit und gesund bleibt. Aktiv zu bleiben ist für Transplantatempfänger sehr wichtig, da Arzneimittel gegen die Abstoßung mit einem höheren Risiko für Komplikationen, wie hoher Blutdruck und Osteoporose, einhergehen. Wenn Sie einem Sportverein oder einer Gymnastikgruppe beitreten, können Sie außerdem neue Leute kennenlernen, die Sie zu regelmäßigem Training motivieren können. Sportliche Betätigung kann Ihnen auch helfen, Angstzustände abzubauen und Ihre Stimmung und Ihr Selbstwertgefühl zu steigern.

Wann kann ich anfangen, Sport zu treiben?

Sobald Sie sich von der Operation erholt haben, können Sie Ihre körperliche Aktivität nach und nach steigern. Nach Rücksprache mit Ihrem Transplantationszentrum können Sie schließlich auch damit beginnen, eine sportliche Betätigung auszuüben.

Welche Sportart ist die richtige für mich?

Es ist wichtig, das Training langsam zu beginnen, das Trainingsniveau gemächlich zu steigern und sich realistische Fitnessziele zu setzen. Versuchen Sie eine zu starke Ermüdung zu vermeiden. Bezüglich Ihrer Leistungsfähigkeit gibt es grundsätzlich keine Einschränkungen. Chris Klug war der erste lebertransplantierte Olympionike: bei der Winterolympiade 2002 gewann er die Bronzemedaille im Snowboarden.

Setzen Sie sich zum Ziel, jede Woche mindestens 2,5 Stunden Sport mit moderater Intensität im „aeroben“ Bereich zu treiben. Das bedeutet, dass Ihre Herz- und Atemfrequenz erhöht sind und Sie unter Umständen schwitzen, sich dabei aber noch unterhalten können.

Ihr Transplantationsteam informiert Sie darüber, welche Sportarten nach der Transplantation am besten für Sie geeignet sind. In der Regel können Sie die meisten Sportarten ausüben. Falls Sie aber eine Sportart betreiben möchten, bei der es zu Körperkontakt kommt oder Sie direkt am Körper getroffen werden können (z. B. beim Kampfsport oder Rugby), sollten Sie dies zunächst mit Ihrem betreuenden Team besprechen.

Denken Sie daran, während des Sports Flüssigkeit zu sich zu nehmen, um den durch das Schwitzen bedingten Wasserverlust auszugleichen.

Falls Sie während oder nach der sportlichen Betätigung ein Schwindelgefühl oder ungewohnte Atemnot verspüren oder einen unregelmäßigen Herzschlag haben, beenden Sie das Training und informieren Sie sofort das Transplantationsteam. Alle Schwierigkeiten oder Bedenken, die Sie in Zusammenhang mit Sport haben, sollten mit Ihrem Transplantationsteam besprochen werden.

Langfristige Motivation

In den Jahren nach einer Transplantation verliert man leicht die Motivation für eine gesunde Ernährung, Sport und die korrekte Einnahme aller Medikamente. Es ist jedoch wichtig, daran zu denken, dass eine gesunde Lebensweise, die all diese Dinge beinhaltet, die Lebensdauer Ihres transplantierten Organs verlängert und Ihnen eine gute Lebensqualität schenken kann.

Die Ergebnisse sind zwar unterschiedlich, aber viele Transplantatempfänger führen ein glückliches und gesundes Leben.

„Immer wenn ich Skilaufen gehe, gehe ich mit meinem Spender Skilaufen, denn bei allem, was ich tue, ist auch er immer mit dabei. Gemeinsam haben wir schon so einiges erlebt. Ich habe definitiv das Gefühl, dass ich – egal was ich mit meinem Leben anfange – aus Respekt vor dem Spender etwas Gutes tun muss.“, meint Liz Schick, Empfängerin eines Lebertransplantats, Gründerin der TACKERS Camps für transplantierte Kinder und Secretary der World Transplant Games Federation.

Um motiviert zu bleiben und sich mit anderen Transplantierten auszutauschen, können Sie einer lokalen Selbsthilfegruppe beitreten. Viele Transplantierte finden es lohnenswert, sich als Mentoren für neue Mitpatienten zur Verfügung zu stellen oder Vorträge für sie zu halten, da diese zu Beginn ihres Weges häufig Zuspruch und emotionale Unterstützung benötigen. In Deutschland gibt es für die einzelnen transplantierten Organe auch Patientenvereinigungen, die die Patienten unterstützen.

Darüber hinaus treffen sich viele sportlich aktive transplantierte Patienten jedes Jahr zu den nationalen Spielen und/oder Weltspielen für Transplantierte. Die Vereinigung der Weltspiele für Organtransplantierte fördert die internationale Freundschaft durch Sportveranstaltungen für Transplantierte. Dadurch ergibt sich die einzigartige Gelegenheit, andere Patienten kennenzulernen und zu erleben, was man nach Erhalt eines Transplantats alles erreichen kann.

Ganz gleich, wie lange Sie Ihr Transplantat schon haben, wenden Sie sich stets an Ihr Transplantationsteam, wenn Sie sich demotiviert fühlen. Das Team kann Ihnen mit Vorschlägen oder Rat zur Seite stehen, um Ihnen den Umgang mit ihrem transplantierten Organ und Ihrer Gesundheit im Allgemeinen zu erleichtern.

Referenzen
  • Netdoktor. BMI-Rechner. https://www.netdoktor.de/diagnostik/bmi/ (letzter Zugriff: August 2023).
  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung. 10 Regeln der DGE. https://www.dge.de/ernaehrungspraxis/vollwertige-ernaehrung/10-regeln-der-dge/ (letzter Zugriff: Juli 2023).
  • Strohm D et al. Salt intake in Germany, health consequences, and resulting recommendations for action. A scientific statement from the German Nutrition Society (DGE). Ernährungsumschau 2016; 63 (3).
  • König D et al. Proteins in sports nutrition. Position of the working group sports nutrition of the German Nutrition Society (DGE).  Ernahrungs Umschau 2020; 67(7): 132–9.