Abstoßungsrisiko und Komplikationen

ABSTOßUNGSRISIKO UND KOMPLIKATIONEN

Abstoßungsrisiko

Jeder Mensch besitzt ein körpereigenes natürliches Abwehrsystem unser Immunsystem, das ihn gegen Krankheitserreger wie Bakterien, Viren und Pilze schützt. Es erkennt Fremdkörper im Blut und kann diese mittels Abwehr- und Fresszellen (Phagozyten und Makrophagen) im Rahmen der „unspezifischen Abwehrreaktionen“ vernichten. Im Gegensatz dazu kann die „spezifische Abwehrreaktion“ mittels spezialisierter und lernfähiger Zellen (Lymphozyten) „körper-fremd“ von „körper-eigen“ unterscheiden. Die spezifische Abwehrreaktion dauert zwar etwas länger, ist aber wesentlich wirkungsvoller als die unspezifische Abwehrreaktion. Diese Prozesse sind für das Verständnis der Abstoßungsreaktionen – die eine Abwehrreaktion auf das Transplantat darstellen – relevant.

 

 

Das spezifische Abwehrsystem

Hauptverantwortlich für die Abstoßung eines transplantierten Organs sind die T-Lymphozyten, eine spezielle Untergruppe der Lymphozyten. Sie erkennen fremde Zellen anhand deren fremder Oberflächenmerkmale und setzen eine Kaskade von Reaktionen in Gang.

Alle Körperzellen tragen auf ihrer Oberfläche Merkmale, ähnlich einem Fingerabdruck. Diese Gewebemerkmale werden als Transplantationsantigene oder HLA I/II-Antigene (Human lymphocytic antigens) bezeichnet. Die Zellen des transplantierten Organs werden von T-Lymphozyten aufgrund ihrer Oberflächenmerkmale als fremd und nicht zum Organismus dazugehörig erkannt. T-Killerzellen (Untergruppe der T-Lymphozyten) werden aktiviert. T-Helfer-Zellen (weitere Untergruppe der Lymphozyten) bilden zusätzlich spezifische Antikörper gegen die Oberflächenmerkmale des Transplantats. Die Informationen werden rasch an andere Lymphozyten weitergegeben, so dass es – ohne ausreichende Immunsuppression – innerhalb von 5 bis 8 Tagen zu einer Abstoßungsreaktion des Transplantats kommt. Ohne Behandlung führt dies zur vollständigen Zerstörung des Spenderorgans. Warum bei der Vermeidung einer Abstoßungsreaktion die Einhaltung der korrekten Medikamenteneinnahme (Adhärenz) eine zentrale Rolle spielt.

Möglichkeiten des menschlichen Immunsystems, Fremdkörper wie Bakterien und Viren zu bekämpfen

 

Transplantationsantigene

Bis heute sind etwa 60 verschiedene Transplantationsantigene bekannt, aus denen sich viele Millionen verschiedener Abwehrreaktionen zwischen Spender und Empfänger ergeben. Nur eineiige Zwillinge besitzen absolut identischen Gewebemerkmale, sodass es hier bei einer Transplantation zu keiner Abstoßungsreaktion käme.

Um daher für jeden Empfänger ein annähernd passendes Spenderorgan zu finden, wird vor jeder Transplantation eine Gewebetypisierung durchgeführt. Um eine Abstoßung auch langfristig zu unterbinden, gilt die lebenslange Einnahme von Medikamenten, die die Immunabwehr unterdrücken (Immunsuppressiva), als absolut essentiell. Dies liegt vor allem darin begründet, dass der Körper sich nicht an ein fremdes Organ gewöhnen kann.

 

Warnsignale

Oberstes Ziel ist, Symptome einer Abstoßungsreaktion bei der Transplantation so früh wie möglich zu erkennen und zu behandeln. Nur so kann der Verlust des Transplantats verhindert werden.

Eine Abstoßung des Transplantats kann anfangs auch ohne spürbare Symptome, Beschwerden und Schmerzen verlaufen.

Warnsignale/Symptome für eine Abstoßung der Niere
  • Rückgang der Harnaussscheidung
  • Flüssigkeitseinlagerungen (Ödeme) im Körper
  • Schmerzen im Bereich des Transplantates
  • Schwächegefühl
  • Schnelles Ermüden
  • Erhöhte Temperatur > 37,5 °C über mehrere Stunden
  • Appetitlosigkeit
Warnsignale/Symptome für eine Abstoßung der Leber
  • Schmerzen im Bauchraum
  • Lehmfarbener Stuhl
  • Dunkler Urin
  • Gelbfärbung von Augen und Haut
  • Schwächegefühl
  • Schnelles Ermüden
  • Erhöhte Temperatur > 37,5 °C über mehrere Stunden
  • Appetitlosigkeit
Warnsignale/Symptome für eine Abstoßung des Herzens
  • Schwächegefühl
  • Schnelles Ermüden
  • Erhöhte Temperatur > 37,5 °C über mehrere Stunden
  • Gewichtszunahme innerhalb einer kurzen Zeitspanne (1 bis 2 Tage)
  • Atemnot bei geringer Anstrengung
  • Wassereinlagerungen im Gewebe
  • Herzrhythmusstörungen

Bei Auftreten eines oder mehrerer dieser Symptome muss unverzüglich die Transplantations-Nachsorgeambulanz oder der behandelnde Facharzt benachrichtigt werden.

Ohne Behandlung kommt es bei einer akuten Abstoßung innerhalb von 6 bis 10 Tagen zum Transplantatverlust. Um eine akute Abstoßung rechtzeitig zu erkennen, werden in den ersten Monaten nach der Transplantation regelmäßige Blutabnahmen in kurzen Abständen durchgeführt. Ergeben sich Hinweise auf eine Abstoßungsreaktion, muss zur Sicherheit eine Gewebeprobe aus dem Transplantat entnommen werden.

Frühzeitig erkannt, sind akute Abstoßungsreaktionen mit speziellen Medikamenten in der Regel gut zu behandeln.

 

Hyperakute Abstoßung

Im Falle einer hyperakuten Abstoßung reagiert das Immunsystem des Empfängers bereits während der Transplantation auf das neue Organ. Hierbei wird das Organ durch Antikörper angegriffen, welche sich im Blut des Empfängers befinden. Diese Reaktion hat zur Folge, dass sich innerhalb von Stunden Blutgerinnsel bilden und es zu Einblutungen in das Transplantat kommt. Die Konsequenz daraus kann die Zerstörung des transplantierten Organs sein. Eine medikamentöse Rettung des Transplantats ist dann nicht mehr möglich.

Um das Auftreten einer solchen hyperakuten Abstoßung zu verhindern, wird heutzutage vor der Transplantation ein „cross match“ durchgeführt. Ein positives „cross match“ weist auf vorliegende Antikörper beim Empfänger hin, die sich gegen das Transplantat wenden können. Eine Transplantation findet in diesem Falle nicht statt, wodurch eine hyperakute Abstoßung selten vorkommt.

 

Akute Abstoßung

Akute Abstoßungen treten am häufigsten innerhalb der ersten 1–3 Monate nach der Transplantation auf und lassen sich trotz Immunsuppression noch immer nicht gänzlich verhindern. In fast allen Fällen können sie jedoch gut behandelt werden.

Behandlung der akuten Abstoßung

Eine akute Abstoßung muss sofort in der Klinik behandelt werden. Die Behandlung erfolgt dabei patientenindividuell und orientiert sich an verschiedenen Kriterien – wie z.B. Grad der Abstoßung, der bisher erfolgten Immunsuppression sowie dem Allgemeinembefinden:

  • Ggf. Anpassung oder Erhöhung (temporär oder permanent) der immunsuppressiven Erhaltungstherapie (oft eine „Triple Therapie“, bei der ein Calcineurin-Inhibitor als Basis-Immunsuppressivum mit Corticosteroiden und Mycophenolat-Mofetil (MMF) oder Mycophenolsäure (MPA) kombiniert wird).
  • Kurze Gabe von hochdosierten Corticosteroiden (eine oder mehrere Dosen, manchmal gefolgt von temporär oder permanent erhöhten Dosen oraler Corticosteroide).

 

Chronische Abstoßung

Chronische Transplantatabstoßungen (auch chronische Transplantatnephropathie oder chronisches Transplantatversagen) treten meist erst im Langzeitverlauf auf und können sich über Monate bis Jahre hinziehen. Dabei kommt es zu einer zunehmenden Funktionseinschränkung bis hin zum totalen Funktionsverlust.

Die Ursachen dieser Abstoßungsreaktionen nach der Transplantation sind bis heute nicht bekannt. Vermutet werden bisher unbekannte Abwehrreaktionen des Körpers gegen das Transplantat sowie allgemeine kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin und Rauchen.

 

Retransplantation

Eine Abstoßungsreaktion, eine Infektion oder ein Versagen des neuen Organs aus einem anderen Grund kann eine erneute Transplantation erforderlich machen. Dies kann für den Patienten und die Angehörigen sehr belastend sein. Wichtig ist es die Retransplantation dennoch als helfende Maßnahme zu sehen, die entscheidend zur Verbesserung des Gesundheitszustandes beiträgt.

Auch Patienten können aktiv dazu beitragen, ihr Organ zu schützen:

  • Medikamente regelmäßig und entsprechend der ärztlichen Verordnung einnehmen.
  • Konsultation des Transplantationsarztes vor der Einnahme nicht verordneter Medikamente.
  • Gesunde Lebensführung
  • Bei Fieber oder Verschlechterung des allgemeinen Befindens, den Transplantationsarzt aufsuchen.
Komplikationen

Neben Abstoßungsreaktionen nach der Transplantation und Infektionen können folgende Probleme nach der Operation auftreten:

  • Erhöhtes Blutungsrisiko
  • Wundheilungsstörungen
  • Narbenbrüche
  • Thrombosen
Referenzen